I’ve got the power

Mutter Natur hat mich mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein ausgestattet. Deshalb muss ich mich schon sehr wundern, dass man mir nicht den Posten als Regierender Bürgermeister von Berlin angetragen hat. Diese Ignoranten! Dabei bringe ich alles mit, was man dafür braucht: Ich bin straff organisiert, trinkfest, (meistens) gut gekleidet und labern kann ich auch. Nach Wowereits politischem Ableben sah mein inneres Auge mich schon vor dem Schöneberger Rathaus. Janz Berlin – ach was, die Welt – hing an meinen Lippen: „Ihr Völker der Welt, schaut auf dieses Panda-Gerippe!“ Kunstpause.

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Wie der in Trier geborene Karl Marx verstehe ich nur zu gut, dass das Volk Opium will. Einfach konsumierbare Botschaften. Metaphern! Komplexe Inhalte verpackt in ein kuscheliges panasiatisches Raubtier. Zunächst einmal: Hinfort mit diesem albernen „Buddy Bär“, der stört mich schon seit geraumer Zeit im Stadtbild. Her mit dem Panda! Mein neues Wappentier und zugleich Potjomkinsches Dorf.

 

Warum denn nun ein Panda? Ich bin ja geduldig und erläutere meine bürgermeisterlichen Visionen, die eng mit dem Bambusbären verknüpft sind. Wer nun die Augenbraue lupft und sich fragt, warum ich einen chinesischen Bären als ideales Identifikationssymbol für die deutsche Hauptstadt erachte, spitze die Öhrchen. Also, zunächst einmal muss ich als Regentin meine ureigensten Wünsche erfüllen – und dazu gehört eben, dass Berlin ein schmuckes Pandapaar in einem riesigen Freigelände (Tiergarten) beheimatet und dass überall grüner Bambus sprießt. Tannen machen mich melancholisch.

 

Darüber hinaus ist die Volksrepublik als Handelspartner enorm wichtig – Dumplings gehören zu meinen Lieblingsspeisen. Weg von mir und meiner China-Affinität, hin zum Panda. Denn dieser besitzt aus Markensicht jede Menge „Heritage“, um mal ein ekliges Wort zu benutzen. Und das Erbe ist der Katalysator der Glaubwürdigkeit; Politik ist im Grunde auch nichts anderes als eine Art Markenstrategie, nur dass sie meines Erachtens schlechter ausschaut (es gibt keine Partei mit professionellem CI) und nicht selten bar jeden Konzepts daherkommt. Wenn man, wie ich, keine besonders volksnahe Person ist und dennoch das Bürgermeister-Amt beansprucht, sollte man sich eben ein emotionales Maskottchen suchen.

 

Beispiel gefällig? Wie kamen die Pandas zu ihrem schicken schwarz-weißen Muster? Am Anfang war das Wort und die Pandas waren weiß. Eines Tages rettete ein Hirtenmädchen einen Babypanda vor einem Leoparden und starb dabei. Die Pandas warfen sich in Trauer Asche über ihre weißen Arme und Schultern. Als sie sich die Tränen aus den Augen wischten und sich die Ohren klagend zuhielten, blieben schwarze Flecken zurück. Sie nahmen sich gegenseitig in die Arme und so verfärbten sich auch ihre Tatzen, sie Vorder- und Hinterbeine. Ein grober Klotz, wem nun keine Tränen der Rührung die Wangen runtertropfen.

 

Klar ist, dass ich als Regierender Bürgermeister einen Panda als emotionale Stütze brauche. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Heute verleiht China die Tiere nur noch zu Zuchtzwecken – gegen hohe Gebühren: ca. eine Million US-Dollar pro Tier. Jeder in China geborene Panda ist Staatsbesitz. Das war nicht immer so. Vor einigen Dekaden operierte das Reich der Mitte noch mit Panda-Diplomatie und setzte die Bambusbären als Staatsgeschenke ein. Das folgende Foto zeigt eine Dermoplastik vom toten Bao Bao, der in seinem 34. Sommer seines Lebens in Berlin verstorben ist. Nun ist er ausgestopft und befindet sich im Naturkundemuseum.

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Der untrügliche Beweis dafür, dass die Amerikaner noch nie ganz dicht waren, ist aus meiner Sicht der Umgang mit den Pandas. So durfte Chi Chi wegen des Handelsembargos nicht in die USA einreisen. Helmut Schmidt war nicht so dumm und nahm das kostbare Pandageschenk dankend entgegen. Im glorreichen Jahr 1980, meinem Geburtsjahr, schenkte die chinesische Regierung der Stadt Berlin zwei Pandas: Bao Bao (was so viel heißt wie Schätzchen) und Tien Tien (Himmelchen). Auch George Pompidou, Kim Il Sung und Ni­ki­ta Ser­ge­je­witsch Chruscht­schow erhielten seiner Zeit chinesische Bären als Staatsgeschenk. Vielleicht dachten die Chinesen bei Chruschtschow, dass das (meist) sonnige und ruhige Gemüt des Pandas pädagogisch auf den Choleriker Chruscht­schow einwirken könne. Über den Kremlchef wird kolportiert, dass er in der UN-​Voll­ver­samm­lung wäh­rend der Re­de des phil­ip­pi­ni­schen De­le­gier­ten Lo­ren­zo Su­mu­long sei­nen Schuh auszog und damit wild auf sein Pult hämmerte, während er geiferte: „Wa­rum darf die­ser Nichts­nutz, die­ser Spei­chel­le­cker, die­ser Fatz­ke, die­ser Im­pe­ria­lis­tenknecht und Dumm­kopf – wa­rum darf die­ser La­kai der ame­ri­ka­ni­schen Im­pe­ria­lis­ten hier Fra­gen be­han­deln, die nicht zur Sa­che ge­hö­ren?“ Auch ich bin kein geborener Diplomat, erkenne jedoch den Mangel an zweckmäßigem Verhalten bei dem guten Nikita. Vielleicht haben sie ihm in der UN-Versammlung auch den Wodka vorenthalten, da kann man schon mal die Nerven verlieren. Wer die Geschichte nicht kennt, die ZEIT hat einen Artikel über die angebliche Schuhattacke geschrieben.

 

Zweckmäßiges Verhalten

Ich bin ja ein vielseitig interessierter Mensch – so kann ich mir vorstellen Bürgermeister von Berlin zu sein, aber auch Tierforscher wäre ein Feld das mich interessiert (->Vorbild: Grzimek ). Manchmal lese ich zoologische Abhandlungen.

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 Diese putzige Bärengruppe habe ich in der Panda Aufzucht- & Forschungsstation in Chengdu beobachtet und fotografiert

 

Karl Max Schneider, der ehemalige Direktor des Leipziger Zoos, hatte 1939 für sieben Tage den Panda „Happy“ zu Gast in seinem Tiergarten. Während dieser Zeit schrieb Schneider seine Beobachtungen nieder und attestiert dem Bären „zweckmäßiges Verhalten“. Ich zitiere aus seinen Schriften: „…Nach alledem kann ich dem Bambusbären eine gewisse Regsamkeit nicht absprechen. Sein Verhalten machte mir in vielen Fällen einen völlig zweckmäßigen Eindruck. Gegen eine innere Starrheit sprach es schon, dass er sich etwa oben im Geäst auf seinem Stammplatz immer wieder andere Lagen aussuchte. Sinnvoll ging er auch vor, wenn er den Wassertrog am Boden mehrmals in kleinen Strecken fortwuchtete oder wenn er seine Blechpfanne im Sitzen ausleckte….Ganz und gar nicht den Eindruck seelischer Stumpfheit machte er beim Klettern, wo er oft wechselnden Lagen gegenüberstand.“

Da ich mir das zweckmäßige Verhalten des Pandas zum Vorbild nehmen möchte, breche ich diesen Artikel nun ab, obwohl ich noch sehr viele interessante Dinge über meinen Lieblingsbären schreiben könnte. Aber zum einen sind lange Blog-Posts untypisch für mich (wer liest schon langatmiges Geseier) und zum anderen will ich das Leben feiern und interessante Gespräche führen und heute noch viele tolle Fotos machen (Schnee und Sonne in Berlin!). Also, nix wie raus aus der Wohnung und rein ins echte Leben. Ich verabschiede mich mit dem Link zum Video „I’ve got the Power“ von Snap, um schön ordentlich den Kreis zur Artikel-Überschrift zu schließen (seltsamer Band-Name im Übrigen… wer denkt sich so was bloß aus?!).

 

4 Kommentare zu „I’ve got the power

  1. Herrlich, Madame Écriture Automatique, wie du dich in Rage geschrieben hast 😉 Schade, dass du am Ende nicht noch auf Agathe Bauer und missverstandene Songtexte eingegangen bist. Aber dann wärst du vermutlich immer noch am Schreiben. Und Berlin, Sonne und Schnee hätten dich nicht gesehen und der Artikel über den Friedhof wäre nicht entstanden. Alles richtig gemacht also.

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