Kitsch

Ich mag Kitsch. Nicht immer, aber wenn, dann fingerdick. Ist Caspar David Friedrich Kitsch? Ist dieses Foto Kitsch? Wahrscheinlich für viele. Bei mir funktioniert’s. CDFs „Abtei im Eichwald“ genauso wie Schuberts Winterreise oder diese Landschaft. Es muss nicht immer Bauhaus sein. Ich bin froh, dass mich nicht alles kalt lässt. Kitsch ist das bessere Leben; ohne Ironie-Kleinklein.

Einen Seemann zum Frühstück

Fotografieren verändert den Charakter. Jedenfalls, wenn man auf der Pirsch nach interessanten Fotos ist. Ich habe gelernt, dass man für ein gutes Foto über den eigenen Schatten springen muss. Mut, Kaltblütigkeit, Charme, Schnelligkeit, Geduld – das sind so ungefähr die Eigenschaften, die man über die Zeit an sich ausbilden muss (sage ich). Anfangs habe ich mich geziert, einfach so die Kamera auf wildfremde Menschen zu richten. Machen wir uns nichts vor: Fotografieren ist ein aggressiver Akt. Mit der Zeit wird der Wunsch nach dem Foto aber größer als die Scheu. Und man braucht auch ein Gespür für die Situation. Die besonderen Momente macht man kaputt, wenn man jemanden vorher fragt, ob man ihn oder sie fotografieren darf. Die Unbefangenheit ist weg, die Pose ist da. Edouard Boubat hat einmal gesagt: Ein gutes Foto ist wie ein gestohlener Kuss. Und ich finde damit hat er recht. In Europa und Asien frage ich meistens vorher nicht nach der „Erlaubnis“, aber in vielen Fällen zeige ich den Fotografierten im Nachhinein das Bild und frage sie, ob sie einverstanden sind. Manchmal aber auch nicht. Ich bin ein böser Mensch. In Mittelamerika kann man sich wirklich Ärger einheimsen, wenn man ungefragt Menschen fotografiert. Trotz meinem schlechten Spanisch habe ich also in den meisten Fällen gefragt. Einfach ist mir das nicht gefallen, aber mit jedem Mal wird es leichter.

Bei der oben abgebildeten lesenden Kioskbesitzerin musste ich ziemlich kaltbültig sein. Ich finde, dass sie aussieht, als ob sie zum Frühstück Seemänner verspeist. Und gerade das Mürrische und Robuste hat mich an ihr fasziniert. Ich musste recht lange auf der anderen Straßenseite warten, bis eine andere schwarz gekleidete Person sich so im Glas gespiegelt hat, dass eine dunkle „Folie“ um ihr Gesicht entstand, denn das hätte man sonst hinter dem Glas nicht  klar erkennen können. Irgendwann hat sie geschnallt, dass ich sie fotografiere und geschimpft wie ein Rohrspatz. Aber ich hatte das Bild im Kasten.

Der Glöckner von Notre Dame

???????????????????????????????

Ich höre die Männer singen und die Pferde galoppieren und bin angekommen, wo es nie ein Gestern gab und kein Morgen geben wird, obwohl es früher Morgen ist und die Sonne den Mond vertreibt. Wegen Sätzen wie diesen hat Helge Timmerberg einen Stein bei mir im Brett – obwohl das gar nicht mal einer seiner besten Sätze ist. Diese Zeile stammt aus der Andalusien-Geschichte, in der Helge den Sherry und den Mond anheult. Er sucht den Flamenco, aber der versteckt sich zunächst einmal und bis Helge ihn am Ende der Nacht in einer dunklen Kaschemme findet und er zu der etwas lauen Erkenntnis gelangt, dass er nie mehr Diskotheken besuchen muss, weil er Zigeunerinnen hat tanzen sehen, ja bis dahin warten noch einige Enttäuschungen auf ihn.

Auch von Enttäuschungen und Zigeunerinnen heimgesucht wird Quasimodo, das Geschöpf, das Victor Hugo für seinen Roman „Notre Dame de Paris“ erschuf. Trotz Klassikerstatus finde ich das Buch recht mau. Sorry, Victor. Die Gegensätze sind etwas holzschnittartig, der bucklige Glöckner, der unglücklich in die schöne Zigeunerin Esmeralda verliebt ist, die selbst einem halbseidenen Hauptmann hinterherhechelt. Nun ja, die Story hat schon was sehr märchenmäßiges, allerdings ohne Happy End. Interessant war für mich jedoch die Schilderung des Narrenfestes und die Beschreibung der gotischen Kathedrale. Notre Dame ist einfach ein atemberaubendes Bauwerk. Wie dem auch sei, die Quasimodo-Story hat es durch ihre Traurigkeit in das „kollektive Gedächtnis“ geschafft, so dass der Buchtitel den meisten Leuten geläufig sein dürfte. Und so erscheint auch mir direkt die Zeile „Der Glöckner von Notre Dame“ vor meinem Kameraobjektiv, als ich es auf das Trio im Glockenturm richte.