Kopf- oder Bauchsache

Ich habe meinen Friseur betrogen. Leider ist das Ergebnis auf meinem Kopf toll geworden. Man mag sich fragen: Geht’s noch?! Warum beschwert sich jemand über einen super Haarschnitt? Die Sache ist so: Ich habe einen Narren an meinem alten Friseur gefressen – er hat einen zentnerschweren Stein in meinem Brett. Aber letztes Mal hat er mir die Haare wie ein betrunkener Seemann geschnitten. Gut, das war jetzt eine maßlose Übertreibung. Jedenfalls war ich nicht zufrieden (nun bin ich auch sehr anspruchsvoll, das muss ich fairerweise sagen). Jedenfalls hat mich diese latente Unzufriedenheit vom letzten Mal in die Arme eines neuen Salons getrieben. Irgendwie hoffte ich unterschwellig, dass sie es versauen, weil ich „meinen“ Friseur S. so mag. Aber Yvonne, allein der Name ließe Schlimmes vermuten, ist sehr gute Friseurin. Ansonsten: schicker Salon, bißchen teuer, aber definitiv das Geld wert: Farbe, Schnitt und Styling einfach top.

Ich könnte schreien: Mist! Mist! Mist!
Kommen wir zu dem Betrogenen: Ich kann mich mit S. über Laurie Anderson, Lou Reed, Karl Lagerfeld, Heritage Post über Politik, Reisen und Gott & die Welt unterhalten. Er ist ein kluger Kopf, hat Humor, eine interessante Vergangenheit und er war der erste Mann, der mir vor zwei Jahren die Haare abschneiden durfte. Das Ergebnis war super, ich habe viele Komplimente bekommen. Irgendwie hängt sein Werk jedoch von der Tagesform ab. Manchmal großartig und manchmal eben nicht so prall. S. ist eher ein Künstlertyp. Am besten ist er, wenn er etwas ganz Neues machen kann, bei Routinearbeiten schweift er manchmal ab. Deshalb ist er mir aber so sympathisch. Mir geht es doch ganz genau so.

Jetzt könnte man sagen: dann geh doch mit deinem alten Friseur Kaffee trinken und lass Yvonne künftig das Handwerkliche erledigen. Will ich aber nicht. Ich will lieber zu ihm, obwohl Yvonne nach objektiven Gesichtspunkten vielleicht besser wäre. Mann, Mann, Mann, ich bin echt in einer Zwickmühle! Zumindest habe ich ja nun ein paar Wochen Bedenkzeit, bevor ich wieder zum Coiffeur muss.

 

Sein und Haben – der Marshmallow-Test

Ich kann nicht mit Schokolade umgehen. Wenn sie da ist, esse ich sie ganz. Deshalb habe ich nie welche im Haus. Alles oder nichts. Es scheint mir absurd nur eine Ecke zu essen. Man könnte sagen: Ich habe meine Affekte nicht unter Kontrolle. Das stimmt aber nur bedingt: Ich weiß haargenau, was ich will und in der Regel auch, wie ich es bekomme. Um übergeordnete Ziele zu erreichen, kann ich mich sehr präzise kontrollieren, aber ein läppischer Marshmallow ist kein übergeordnetes Ziel, sondern Pillepalle, ein banaler Zuckerklotz. Und für Kinkerlitzchen kasteie ich mich nicht, sondern greife genüsslich zu. S-O-F-O-R-T.

Als ich heute mal wieder einen Artikel zum Marshmallow-Test gelesen habe, musste ich schmunzeln. Klein-Christinchen hätte sich das Ding sofort in den Mund gestopft. Belohnungsaufschub? Nicht mit mir:-) Wenn die These des Persönlichkeitspsychologen Walter Mischel tragfähig wäre, hätte ich nie Abitur gemacht, nie ein Studium abgeschlossen und würde den Straßenfeger verkaufen. Dass alles anders gekommen ist, lässt mich den Marshmallow-Test argwöhnisch betrachten.

Also, der Test geht so: Ein Versuchsleiter setzt einem Kind einem Marshmallow vor die Nase und sagt: Du kannst das Ding entweder sofort essen – oder aber, wenn du 20 Minuten wartest, gebe ich dir einen zweiten. Die Fähigkeit zum Graftikationsaufschub sei ein Indikator für die Willensstärke und Kinder, die nicht warten könnten, hätten in der Schule schlechtere Noten, seien labile Persönlichkeiten und würden später in der Gosse landen.

Meine These ist: Die klugen Kinder wissen, dass…

1.) Man im richtigen Moment zugreifen muss. Wer sagt denn, dass der Onkel Versuchsleiter nach 20 Minuten wirklich noch einen zweiten Marshmallow bringt?

2.) Zeit Geld ist. In den 20 Minuten, die man nichtsnutzig im Versuchsraum wartend vor einem Marshmellow sitzt, könnte man seine kindlichen Energien gewinnbringender einsetzen. Zum Beispiel andere Erwachsene dahingehend manipulieren, dass sie einem eine ganze Tüte Marshmallows kaufen.

3.) Und last but not least: Ein Marshmallow so geil nicht ist. Da müssen schon hochwertigere Produkte kommen, damit man seine Affekte bändigt.