Der Grabstein des Ego

Eigentlich wollte ich für diesen Text die Überschrift „Save the last dance for me“ wählen. Aber dann habe ich die Sufis milde lächelnd den Kopf schütteln sehen: „for me“ – ist klar, solche kindischen Besitzansprüche kennt der Sufismus nicht. Ich ahne es: von Dingen wie Selbstlosigkeit und Selbstaufgabe bin ich ungefähr so weit entfernt wie Atze Schröder vom Nobelpreis für Physik. Aber Atze und ich haben ja Entwicklungspotential. Deshalb dachte ich, dass ich zu Ostern mal Leute aufsuche, die in anderen spirituellen Sphären herumwirbeln als ich. Derwische! Ja, es müssen Derwische sein. Ich gebe zu: Es ging mir zunächst einmal um das Visuelle. Ich war von der Idee der wild drehenden Tänzer mit den weiten Gewändern ganz verhext.

DSC00525

Dass das Ritual aber viel mehr ist als nur eine faszinierende Tanzdarbietung, ist mir beim Besuch des Mevlevi-Museums in Istanbul aufgegangen. Das Mevlevi-Kloster, benannt nach dem Theologen Mevlana Celaleddin Rumi, wurde 1491 als erstes Sufi-Kloster Istanbuls gegründet. Obwohl oder gerade weil der Sufismus offiziell in Istanbul verboten ist, übt er auf die Menschen eine große Faszination aus. Weil der Wunsch die tanzenden Derwische zu erleben – auch von Touristenseite – so stark ist, gibt es in Istanbul also eine Duldung der Sufis/Derwische und sie dürfen ihre Sema-Rituale ausüben. Atatürk, der Begründer des modernen türkischen Staates, ließ 1928 Klöster dieser Gruppe schließen. Warum das jetzt so war, weiß ich nicht – es wird kolportiert, dass der Orden Argwohn auf sich gezogen habe, weil man fürchtete, dass Revolte oder Verschwörung von ihm ausgingen. Aber wie gesagt: ich habe keine Ahnung.

Ab und zu gibt es jedenfalls in dem Gebäude, in dem auch das Museum untergebracht ist, Tanzaufführungen. Und da ich mehr Glück als Verstand habe, konnte ich eine Karte ergattern. Damit ich ein bißchen mitbekomme, was da vor sich geht, habe ich mich vorher informiert. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass die Kopfbedeckung symbolisch als „Grabstein des Ego“ gilt. Die weiten weißen Gewänder stellen die Leichentücher des Egos dar. Die sieht man zu Beginn des Rituals aber noch nicht, denn die Männer tragen zunächst schwarze Umhänge, die das Grab symbolisieren. Indem sich der Derwisch seines Umhangs entledigt, wird er spirituell wieder geboren.

DSC00456

Zu Beginn des Rituals kreuzen die Sufis ihre Arme über der Brust und formen mit ihnen die Zahl eins. Dies soll die Einheit Gottes bestätigen. Wenn die kreisenden Tanzbewegungen beginnen, breiten die Männer ihre Arme weit aus, wobei die rechte Hand nach oben gedreht ist, um die Gunst Allahs zu empfangen. Die linke Hand, zeigt zur Erde, um den Segen in der Welt zu verteilen. Der Derwisch dreht sich von rechts nach links um die eigene Achse – sein Herz – und umschließt so die Menschheit. Der Kreis, der ewige Tanz. Noch bevor die Menschen schreiben konnten, tanzten sie. Vielleicht ist mir dieser Text auch deshalb ein bißchen ungelenk geraten, weil es schwer ist, Tanzen und insbesondere diese Art von Tanzen, zu beschreiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s