Sitting Bull

Was klingt besser: Sitting Bull oder Jumping Badger? Ersteres mutet irgendwie schwerfällig und behäbig an. Ich wäre jedenfalls lieber ein springender Dachs als ein sitzender Bulle. Fakt ist, dass der Sioux-Indianer zuerst Springender Dachs hieß, bevor er zum Sitzenden Bullen konvertierte. Ob das jetzt ein Aufstieg war, sei mal dahin gestellt. Ich halte es eher für ein böses Omen. Bei einem Kampf gegen den Crow-Stamm verwundete eine Kugel Sitting Bulls linken Fuß. Diese Wunde verheilte nie richtig und so hinkte er bis zum Ende seines Lebens. Trotzdem kämpfte er später für die Freiheit und leistete Widerstand gegen die Landnahme amerikanischer Siedler und deren militärische Unterstützung. Und weil ihm die Freiheit so wichtig war, habe ich diesen Artikel nach ihm benannt. Denn auch den Straßenkatzen in Istanbul ist ihre Freiheit heilig.

 

Bei vielen Fotos sind die Dinge nicht so, wie sie für den Betrachter scheinen. So denkt ihr wahrscheinlich, dass es sich bei der oben abgebildeten Katze um einen braven Haustiger handelt. Mitnichten! Die Katze ist vogelfrei, lässt sich in keine Wohnung sperren und feste Beziehungen lehnt sie ebenfalls ab. Das schöne Tier ist eine von über hunderttausend Straßenkatzen, die sich in der Millionenmetropole Istanbul tummeln. Ich kann verstehen, wer jetzt ob des wohlgenährt thronenden Tiers skeptisch ist. So sieht doch keine Straßenkatze aus! In Istanbul schon. Warum das so ist und was das über die Menschen dieser wunderbaren Stadt aussagt, möchte ich gerne einmal erzählen.

 

Die Freibeuter des Bosporus

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Als ich vor dieser „Schuhkatze“ in der Nähe des Großen Basars kniete, kam mir ein Ladenbesitzer zur Hilfe und hat ein paar Faxen für die Katze gemacht, damit ich sie in Ruhe fotografieren konnte. Ich fragte ihn, ob das seine Katze ist. Er sagte, dass sie ab und zu in seinem Geschäft zu Gast ist, er sie füttert, dass sie aber nicht ihm gehört. Sie macht was sie will, sie besucht wen sie will. Der Mann meint, dass die Katze Glück und Geld bringt, er nennt sie lachend  Money Cat. Ich verstehe, es gibt wohl mehr Leute wie mich, die von der Katze angezogen werden. Bei meinem Streifzug durch Istanbul habe ich mich mit vielen Ladenbesitzern unterhalten. Sie alle haben ihre Stamm-Straßenkatzen. Manche stellen sogar kleine Plastikstühle vor das Geschäft für „ihre“ Straßen-Katze, zu essen bekommen sie alle und Zuwendung natürlich auch. Und weil es hinter dem Schaufenster-Glas so schön warm ist, kommen die Tiere manchmal sogar ins Geschäft und sitzen dann wie eine ägyptische Statue hinter dem Glas – so wie hier.

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Nicht nur die Ladenbesitzer kümmern sich um die Straßenkatzen. Auch die Taxifahrer. Auf meinem Weg vom Hotel am Hafen bis zur Istikal schlängelt sich eine steile Straße. Auf halbem Weg haben die Taxifahrer eine Ruhestelle und sitzen draußen, trinken Tee und klönen. Unweit neben ihnen stehen kleine „Hütten“ für die Katzen, die aus abenteuerlichen Materialen, z.B. Reifen, zusammengebastelt sind. Ich frage sie danach und wir unterhalten uns ein bißchen über die Katzen. Sie erzählen mir, dass man hier keine Tiere in der Wohnung oder im Haus halten würde (unhygienisch), dass die Menschen aber die Straßenkatzen mögen und sich um sie kümmern. Einige Leute bringen ihre Straßenkatze sogar zum Tierarzt, wenn sie was hat, andere haben Katzenfutter im Kofferraum und fahren damit durch die Stadt. Überhaupt sieht man morgens, wenn man durch Beyoğlu spaziert viele ältere Frauen, die Futter an eine Schar von Tieren verteilen.

Die Istanbuler macht mir das noch sympathischer als ich sie ohnehin schon finde. Wenn Leute gut zu Tieren sind, haben sie meistens auch einen soliden Charakter. Nicht nur in den Straßen trifft man auf „wilde“ Tiere. Auch in der Hagia Sophia streunen Katzen, die dort zum festen Personal gehören. Als Obama die Moschee besuchte, musste eine der Moschee-Katzen (Gli) seine Annäherungsversuche auch über sich ergehen lassen. Nicht nur Katzen führen ihr Leben als Freibeuter in der Stadt – im Park des Topkapi-Palastes trifft man auf Straßenhunde. Sie liegen in der Sonne und scheinen ein recht gutes Dasein zu führen. Sie „gehören“ niemandem. Aber die Leute kümmern sich um sie. Vielleicht haben die Leute ein schlechtes Gewissen. Es gibt da nämlich so eine Geschichte: Sultan Abdülaziz wollte einst alle Hunde loswerden und ließ sie auf die unbewohnte Insel Hayirsiz bringen, die „Insel der Nichtsnutze“, um sie auszurotten und dort verhungern zu lassen. Bald darauf brachen Brände in der Stadt aus. Gerüchte tauchten unter der Bevölkerung auf: Gott habe sie bestraft, weil die Hunde weggeschafft wurden. Der Sultan ließ sie wieder zurückbringen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann halten sie ihr Mittagsschläfchen auf dem Rasen des Topkapi-Palastes.

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3 Kommentare zu „Sitting Bull

    1. Hola Leo, me encanta escuchar que el gato pensativo te gustas – el mesa es su trono. Ayer por la mañana, yo visitado tu blog y admiro la serie con el caballo y las sombras en blanco y negro – tu trabajo es excelente.

      Disculpe, mi español no es bueno…

      Saludos,
      Christine

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