Pantoffelhelden

Was habe ich in meinem Leben nicht alles getan, um den Kontakt mit Pantoffeln zu vermeiden: frühe Machtkämpfe mit meiner Oma, unzählige ruinierte Socken, Diskussionen mit den Nachbarn … bis ich dann auf geräuschfreie Ballerinas in der Wohnung umgestiegen bin. Wohlgemerkt: keine Pantoffel. Pantoffel, das sind für mich spießige und unattraktive Fußumhüllungen. Ich muss dabei an Carl Spitzweg, Altmännermuff und Hausbackenheit denken.

Tja, wie so oft hat das Universum mir dann einen Streich gespielt. Es hat sich ergeben, dass ich mit vielen Ingenieuren zusammenarbeite. Was eigentlich eine gute Sache ist. Irgendwie mag ich Ingenieure. Viele von ihnen sind ein bißchen skurril, sachlich, erfinderisch und uneitel. Letzteres manifestiert sich in ihrem sehr praxisorientierten Schuhwerk. So trägt ein nicht geringer Prozentsatz Pantoffel im Büro. Das schockierte mich zunächst einmal. Passt das ins Markenbild? (Natürlich nicht!!) Was denken die Kunden? Anfangs habe ich versucht, mehr oder weniger subtil modeberatend tätig zu werden. Einige konnte ich bewegen zu einer anderen Schuhwahl zu greifen, aber der Großteil blieb Schlappen-resistent. Gut, wenn diese Schuhe dabei helfen, dass sie bessere Produkte entwickeln, sollen sie ihre Pantöffelchen tragen. Vielleicht sollte ich mich ja anpassen? Immerhin sind sie in der Überzahl. Da ich bislang alle Pantoffel, die mir untergekommen sind, spukhäßlich fand, hat es mit meiner Assimilation recht lange gedauert. Aber in Marokko sind mir hübsche Pantoffel vor die Nase gesprungen, die ich dann auch in verschiedenen Ausführungen erworben habe. Die oben abgebildeten Lederpantoffel heißen Babouche, entsprechen meinem Ästhetikempfinden und ich werde sie demnächst mal ins Büro anziehen, um mich mit den Ingenieuren zu solidarisieren.

Uns bleibt immer noch Casablanca

Mein Patenonkel schenkte mir einst das Brettspiel „Pacman“. Jahre später stehe ich auf der Dachterrasse eines Hotels in Casablanca, betrachte die aufgehende Sonne und muss an die Pacman Kugeln denken. Das Spiel geht so: Ziel ist es möglichst viele Kugeln mit der gelben Spielfigur Pacman zu fressen, die aus einem Hohlkörper und einer Art Riesenmund besteht, während man von Gespenstern verfolgt wird. Klingt nicht so nach strategischem Knobelspiel? Egal. Wenn man sechs ist, hat man dabei einen Heidenspaß. Bei einem Wutanfall fegt man alle Kugeln vom Brett und die hopsen dann so herrlich wild durch die Wohnung. Gott, was für ein tolles Spiel!

Stark wie das Leben, sanft wie der Tod

Auf einer internationalen Weinmesse fragte ein Reporter einen chinesischen Sommelier, warum es im Reich der Mitte Leute gebe, die Cola in einen hochwertigen Wein mischten. Daraufhin fragte der Chinese den Reporter, warum die Europäer Zucker oder Milch in einen hochwertigen Tee kippten. Guter Konter.

Ich bin ganz auf der Seite des Chinesen: wirklich guten Tee trinkt man pur – ohne jeglichen Schnickschnack. Ebenso wie guten Alkohol, sehen wir mal von Cocktails ab. Deshalb bin ich wahrscheinlich mit der marokkanischen Teekultur nicht warm geworden. Der Tee ist derart süß, dass man wie ein Duracell-Häschen im Kreis springen möchte. Zuerst war ich ein bißchen indigniert über die „süße Bevormundung“ (der Zucker ist bereits in der Teekanne) – ich fragte mich, warum man es dem Gast nicht überlässt, ob er es lieber pur oder mit Zucker mag. Wozu gibt es Zuckerdosen? Die Marokkaner erklärten dann geduldig, dass der Tee erstens sehr heiß serviert werden muss, damit der Gast lange bleibt – zudem sehr süß zu sein hat „it sweetens people’s words“ und er sollte von hoch oben ins Glas gegossen werden, damit ein weißer Schaumkragen entsteht. Außerdem besteht die Prozedur aus drei Aufgüssen: „Der erste ist stark wie das Leben, der zweite wohltuend wie die Liebe und der dritte sanft wie der Tod“. Es gibt übrigens auch die Übersetzung „bitter wie das Leben“, die verbreiteter ist, die ich aber nicht mag. Wir haben nur ein Leben. Möge es stark sein.

Schau, die Hörner

Mexiko? Kuba? Guatemala? Nein, nein und nochmals nein! Dieses Bild ist andernorts entstanden: im Rifgebirge Marokkos. Ich gebe zu: der Hut hat mich verwirrt. Was macht ein kastrierter Sombrero in Nordafrika? Erstmals bin ich dem Strohhut in Tanger begegnet. Eine Berberfrau trägt die mexikanisch anmutendene Kopfbedeckung, an deren Spitze jedoch vier Stoffbahnen in einem Bommel kulminieren.

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Tanger, also. Obwohl ich kein ausgewiesener Fan der Beatnik-Literatur bin, muss ich an William Burroughs denken. Nachdem er 1954 „The Sheltering Sky“ gelesen hatte, folgte er Paul Bowles nach Nordafrika. Ein Jahr zuvor erschoß er in Mexiko seine Frau. Der Hut, ein zynisches mesoamerikanisches Ehefrauen-Souvenir des alten Manns des Beatniks? Ich weiß es nicht. Die Antwort, wenn es denn eine eindeutige geben sollte, finde ich nicht in der Hafenstadt, sondern in Chefchauen: An einem steilen Hang funkelt das blaue Juwel, gesäumt von hohen Bergen. Die beiden Gipfel Tissoukou (2050 m) und Djabal Meggou (1116 m) muten wie zwei Hörner an, nach denen die Stadt benannt wurde: Chefchauen („Schau, die Hörner“).

Das gleißende Licht malt ornamentale Schatten auf die blau-weiß-gekalkten Wände der Stadt. Ich fühle mich wie in einem blauweißen Zauberkasten. Manchmal auch wie in einem trockenen Zauber-Schwimmbad. Warum ist die ganze Stadt so blau, so schön? Die Esoterik-Community raunt, dass Blau den bösen Blick abhalte. Konsequenterweise müsste dann ganz Marokko blau sein. Isses aber nicht, sondern die vorherrschende Farbe ist Lehmrot. Demzufolge ist die Antwort eher in der Geschichte zu suchen – und hier trifft man auf Andalusien. Ende des 15. Jahrhunderts kamen viele aus Andalusien vertriebene Muslime nach Chefchaouen. Warum? Reisen wir zurück ins Jahr 1471. Es war die Zeit, als die Reconquista auf der iberischen Halbinsel die Herrschaft der berberischen Almoraviden und Almohaden immer weiter eingeengt hatte. Den Norden hatte El Cid schon lange zuvor zurückgewonnen. Cordoba und Sevilla waren in die Hände der Christen gefallen. 1492, in dem Jahr, als Kolumbus Amerika entdeckte, sollte dann auch mit Granada die letzte maurische Hochburg fallen.

In all den Jahrhunderten waren Moslems und Juden über die Straße von Gibraltar nach Marokko geflohen, wo sie eine neue Heimat fanden. 1471 wurde unter ihrem Führer Moulay Ali Ben Rachid El Alami Chefchaouen zur Zufluchtsstätte vieler Menschen. Sie brachten natürlich auch ihre gewohnten Baustile und Techniken mit und so entstand auf marokkanischem Boden eine Stadt, die ziemlich andalusisch wirkt.

Durch den Handel der Andalusier mit Mittelamerika sind neben Gewürzen vielleicht auch die Strohhüte nach Europa geschwappt …und von Europa nach Nordafrika, nach Chefchauen. Und deshalb ist das Foto der Marktfrau mit dem mexikanisch anmutenden Hut vor dem blauen Hintergrund auf den ersten Blick auf nicht so einfach einzuordnen.