Schau, die Hörner

Mexiko? Kuba? Guatemala? Nein, nein und nochmals nein! Dieses Bild ist andernorts entstanden: im Rifgebirge Marokkos. Ich gebe zu: der Hut hat mich verwirrt. Was macht ein kastrierter Sombrero in Nordafrika? Erstmals bin ich dem Strohhut in Tanger begegnet. Eine Berberfrau trägt die mexikanisch anmutendene Kopfbedeckung, an deren Spitze jedoch vier Stoffbahnen in einem Bommel kulminieren.

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Tanger, also. Obwohl ich kein ausgewiesener Fan der Beatnik-Literatur bin, muss ich an William Burroughs denken. Nachdem er 1954 „The Sheltering Sky“ gelesen hatte, folgte er Paul Bowles nach Nordafrika. Ein Jahr zuvor erschoß er in Mexiko seine Frau. Der Hut, ein zynisches mesoamerikanisches Ehefrauen-Souvenir des alten Manns des Beatniks? Ich weiß es nicht. Die Antwort, wenn es denn eine eindeutige geben sollte, finde ich nicht in der Hafenstadt, sondern in Chefchauen: An einem steilen Hang funkelt das blaue Juwel, gesäumt von hohen Bergen. Die beiden Gipfel Tissoukou (2050 m) und Djabal Meggou (1116 m) muten wie zwei Hörner an, nach denen die Stadt benannt wurde: Chefchauen („Schau, die Hörner“).

Das gleißende Licht malt ornamentale Schatten auf die blau-weiß-gekalkten Wände der Stadt. Ich fühle mich wie in einem blauweißen Zauberkasten. Manchmal auch wie in einem trockenen Zauber-Schwimmbad. Warum ist die ganze Stadt so blau, so schön? Die Esoterik-Community raunt, dass Blau den bösen Blick abhalte. Konsequenterweise müsste dann ganz Marokko blau sein. Isses aber nicht, sondern die vorherrschende Farbe ist Lehmrot. Demzufolge ist die Antwort eher in der Geschichte zu suchen – und hier trifft man auf Andalusien. Ende des 15. Jahrhunderts kamen viele aus Andalusien vertriebene Muslime nach Chefchaouen. Warum? Reisen wir zurück ins Jahr 1471. Es war die Zeit, als die Reconquista auf der iberischen Halbinsel die Herrschaft der berberischen Almoraviden und Almohaden immer weiter eingeengt hatte. Den Norden hatte El Cid schon lange zuvor zurückgewonnen. Cordoba und Sevilla waren in die Hände der Christen gefallen. 1492, in dem Jahr, als Kolumbus Amerika entdeckte, sollte dann auch mit Granada die letzte maurische Hochburg fallen.

In all den Jahrhunderten waren Moslems und Juden über die Straße von Gibraltar nach Marokko geflohen, wo sie eine neue Heimat fanden. 1471 wurde unter ihrem Führer Moulay Ali Ben Rachid El Alami Chefchaouen zur Zufluchtsstätte vieler Menschen. Sie brachten natürlich auch ihre gewohnten Baustile und Techniken mit und so entstand auf marokkanischem Boden eine Stadt, die ziemlich andalusisch wirkt.

Durch den Handel der Andalusier mit Mittelamerika sind neben Gewürzen vielleicht auch die Strohhüte nach Europa geschwappt …und von Europa nach Nordafrika, nach Chefchauen. Und deshalb ist das Foto der Marktfrau mit dem mexikanisch anmutenden Hut vor dem blauen Hintergrund auf den ersten Blick auf nicht so einfach einzuordnen.

2 Kommentare zu „Schau, die Hörner

  1. Oh, wusste gar nichf, dass du auch in Marokko warst! Ich seh schon, wir haben viel zu erzählen beim nächsten Treffen 🙂

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