Gesichter

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Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, dass ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.

Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten für immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.
Aber die Frau, die Frau: sie war ganz in sich hineingefallen, vornüber in ihre Hände. Es war an der Ecke rue Notre-Dame-des-Champs. Ich fing an, leise zu gehen, sowie ich sie gesehen hatte. Wenn arme Leute nachdenken, soll man sie nicht stören. Vielleicht fällt es ihnen doch ein.
Die Straße war zu leer, ihre Leere langweilte sich und zog mir den Schritt unter den Füßen weg und klappte mit ihm herum, drüben und da, wie mit einem Holzschuh. Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, so daß das Gesicht in den zwei Händen blieb. Ich konnte es darin liegen sehen, seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung, bei diesen Händen zu bleiben und nicht zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir graute, ein Gesicht von innen zu sehen, aber ich fürchtete mich doch noch viel mehr vor dem bloßen wunden Kopf ohne Gesicht.

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aus: „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“

Rainer Maria Rilke

 

Mapplethorpes Gemüse-Fetisch

Unergründliches Menschenherz – manchmal tun wir genau die Dinge, die wir nicht mögen. Mapplethorpes Bildwelt zitieren, zum Beispiel. Mit Mapplethorpes Fotos – oder mit dem Großteil seines Werks – kann man mich normalerweise jagen, schneller laufe ich nur bei Anne Geddes. Mapplethorpe, das sind für mich plumpe Aktfotos – überzogen mit einer „gnädigen Schwarzweiß-Soße“. Naja. Einfach nicht mein Geschmack.

Dennoch gibt es eine Sparte in seinem Werk, die ich ziemlich großartig finde. Und das sind die Stillleben. Es ist irgendwie grotesk: Er kann Gemüse und Obst so fotografieren, dass es ziemlich geheimnisvoll und lebendig aussieht, aber wenn er Menschen fotografiert, finde ich die Bilder einfach nur aufdringlich und langweilig.

Als ich an diesen Kakteen vorbeiging, haben sie geschrien: „Mapplethorpe, Mapplethorpe“. Es ging nicht anders, ich musste sie fotografieren. Aber ohne Schwarzweiß-Soße, dieses dunkle Grün war so herrlich mysteriös. Ich finde, die Pflanzen sehen ein wenig aus wie Tabaluga, der kleine Drache. Oh Gott, jetzt wird’s echt schlimm, ich glaub ich brauch nen Drink. Hoffentlich bekomme ich keinen Alptraum, in dem Peter Maffay oder Robert Mapplethorpe auftauchen.