Gepflegte Unterhaltung: Prof. Dr. Hartmut Fladt

Als ich nach Berlin gezogen bin, dachte ich, dass das Radioprogramm nur aus Gregor Gysi-Monologen besteht. Ich weiß: Manchmal bin ich rührend beschränkt. Nach einer Weile bin aber auch ich auf „radioeins“ gestoßen. Wahrscheinlich hat mich der Claim des Senders „Nur für Erwachsene“ zunächst einmal abgestoßen. Ich finde, dass das so nach Altherrenwitz klingt – denn wesentlich schlimmer als ein Gysi-Monolog wäre ja ein Brüderle-Stream. Glücklicherweise gibt es bei radioeins dergleichen nicht, sondern gar herrliche Formate, bei denen zumeist unterhaltsame und schlaue Menschen zu Wort kommen. Wenn die Personen dann noch etwas irre sind, so wie Prof. Dr. Hartmut Fladt, finde ich die Sendung höchst formidabel. Ohne seine großartigen und schrägen Musikanalysen wäre mein Leben ein wenig weniger bunt. Der Musikwissenschaftler Prof. Fladt wird „ob seiner bestialischen Intelligenz nicht nur oft als Gutachter herangezogen“, sondern ich denke, dass er auch in einem Film der Coen Brothers eine gute Figur machen würde. Seine Haartracht erinnert mich stark an die von Javier Bardem aus „No country for old men“. Wesentlich interessanter als das, was sich auf dem Kopf von Prof. Fladt abspielt, ist jedoch was unterhalb der Schädeldecke vorgeht. Wer auch einmal an den Perlen seiner Weisheit naschen möchte, dem lege seine Musikanalysen ans Herz.

 

Eiskalt erwischt

Slash ist 50 geworden. Ich fass es nicht. Wie kann so was sein? Ja, darf so was überhaupt passieren? Mit 14 habe ich für ihn geschwärmt – er war der Keith Richards der 90er! Und jetzt soll er 50 geworden sein. Keine Frage, Guns N‘ Roses hat fürchterlich pathetische Musik gemacht. Aber als Teenager steht man halt auf pathetischen Scheiß. Nachdem ich die schreckliche Nachricht mit dem runden Geburtstag meines Teenie-Schwarms gelesen habe, musste ich mir das Video November Rain anschauen; es hat mich aufgrund seiner ungewollten Komik sehr amüsiert. Kein Vergleich mit Nirvana, das hat heute noch Klasse. So, genug davon. Nun verdränge ich die Nachricht mit Slash und genehmige mir einen kühlen Drink.

Hyper, Hyper – 20 Fragen an H.P. Baxxter

Wer schon mal Leute interviewt hat, weiß: Die meisten faseln langweiliges, unzusammenhängendes Zeug. Bar jeder Pointe. Deshalb halte ich es mit Tom Kummer, dem großen Interview-Fälscher. Versuche den Sound der Person zu treffen – und dann schreib dein eigenes Ding. Es gibt nur ein Gesetz: „Du sollst nicht langweilen.“ Tom Kummer hat der Menschheit mit seinen amüsanten und realitätsfernen Interviews einen Dienst erwiesen. Das SZ Magazin war nur zu töricht es zu erkennen. Sage ich.

Ob folgende Interviews echt sind, vermag ich nicht zu beurteilen, aber ich finde sie großartig. Wenn ich mir Interview-Partner aussuchen dürfte, so wären es diese.

 

Der Sportteil [ich hab Ehrfurcht vor eisgrauen Schläfen]

Fußball lässt mich kalt. Was für eine törichte Aussage. Dass die Realität einen schneller einholt als man P-o-d-o-l-s-k-i buchstabieren kann, weiß ich spätestens seit meiner Begegnung mit Carlos Valderrama. Auch wenn es für mich der absolute Albtraum wäre, in einen häßlichen Fan-Schal gewandet die schweiß- und testosterongetränkte Atmo der Fankurve zu inhalieren, am Hals womöglich noch eine Flasche Schultheiss oder ein gruseliges Hertha-Tattoo (oder beides) – so bin ich um so fröhlicher, wenn ich an einem schönen Sonntagmorgen erwache und nichts von dem wahr ist. Mit dem Zwitschern der kleinen Vöglein im Ohr, frisch gestriegelt und mit aufgeräumten Gedanken kann man dann schon mal einen Blick in den Sportteil der Süddeutschen oder FAZ riskieren. Die Sportjournalisten der Süddeutschen sind nämlich exzellente Schreiber, da gibt es nix. So mancher Feuilleton-Heini könnte sich da mal eine Scheibe abschneiden. Außerdem finde ich, dass man in allen Lebensbereichen grundsätzlich informiert sein sollte. Und dazu gehört eben auch Fußball. Man muss es ja nicht gleich übertreiben.

Seit gestern steht die deutsche Fußballwelt Kopf, weil Schweinsteiger zu Manchester United wechselt. Huhuhu in München. Die Isar, ein Tal der Tränen. WoooHooo stattdessen in Berlin. Denn ich blicke im Sportteil auf das aktuelle Foto des Herrn Schweinsteiger (geschossen von Niko Schmid-Burgk). Schon lange habe ich keinen Mann mehr gesehen, an dem eisgraue Schläfen so gut ausschaun wie an Bastian Schweinsteiger. Er sieht geradezu klassisch aus, sehr fesch, vielleicht weil er noch recht jung für graue Schläfen ist, wirkt das Ganze ziemlich interessant – als Kontrast sozusagen. Gut, dass Foto wurde auch von einem versierten Fotografen gemacht; aber trotzdem. Früher fand ich Schweinsteiger ausgesprochen unattraktiv, die blondierten Haare, der Pennälerhumor und dann halt noch der unsympathische Bayern-Verein. Aber heute, schau mal einer an. Ein weiterer Pluspunkt: die sexy Narbe am Schlüsselbein und keine ordinären Tattoos, soweit ich weiß. Das hat sich wohl auch die Chef-Einkäuferin in Manchester gedacht und ein paar Millionen nach München transferiert. Die Tatsache, dass er ein ausgezeichneter Spieler ist, dürfte dann das rationale Argument für den Club geliefert haben. Was soll ich sagen? „Ich hab Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren“ 🙂

 

Für die Füße

(Charivari featuring Wolf Haas)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber glaub ja nicht, den Brenner hätte das gleich umgeworfen. Weil so ein Stadler-Schuh quasi Polizeistiefel – gibt Halt und alles, frage nicht. Ordentlich Zucken hat er zwar müssen, Zehen gekrallt wie das reinste Moorhuhn, Phantomschmerz Hilfsausdruck. Blut im Schuh war zwar nicht im Brenner’schen Wander-Galoschen, dafür hat’s dem Irrsiegler Reinhold den Fuß zerfetzt und seiner Lebensgefährtin gleich mit. Auch wenn’s den Fuß am Ende getroffen hat, anfangen tut’s immer im Oberstübchen. So ist das bei den Menschen. Erst der Kopf krank, dann der Fuß und dann mausetot. Jetzt kannst du sagen, was du willst, wenn der Zivilist zur Waffe greift, dann ist der Minderwertigkeitskomplex nicht weit. Potenzersatz, ja was glaubst du. Kein Geld für Porsche, aber für die Knarre reicht es noch. Und dann, Gott stehe uns bei. Richtig gehend geekelt hat’s den Brenner vor dem Waffen-Ami. Wenn er da mit stolz geschwelllter Brust und bis an die letzte Zahnkrone bewaffnet vor der Welt posiert, inmitten von all dem ausgestopften Vieh, das sie ihm auf irgendeiner Safari vor die Flinte getrieben haben. Das ist dann schon mehr als ding. Aber jetzt pass auf, weil interessant. Geknallt hat’s diesmal gar nicht beim Ami, sondern bei der Grazer Jägerin. Erst im Kopf der Dame und dann der Impuls vom Kopf blitzschnell zum Finger und schließlich Auslöser. PengPengPeng, immer auf die Füße vom Irrsiegler – und zum Schluss ins Herz. Der reinste Wahnsinn, sage ich dir. Und verhindern konnte es selbst der Brenner nicht mehr. Weil zu spät, wie immer. Latenz pur, der Brenner. Wegmachen durfte es dann wieder der Tatort-Reiniger. Auch so ein Job, den man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Am Ende mussten sie den Teppich aus der Wohnung rausreißen. Ironie hoch drei, quasi. Weil geschossen hat die Grazerin ja wegen Miet-Angelegenheit. Raushaben wollte der Irrsiegler sie aus der Wohnung. Aber diese Mieterin war eben nicht nur Mieterin. Nein, diese Mieterin auch Jagdschein, cholerisch, verrückt und Schuhkomplex, ja, was glaubst du. Heute sind die Weiber eben auf ganzer Linie emanzipiert. Auch im Wahnsinn. Es ist doch alles für die Füße.

 

Das Kleingedruckte: Ich bin ein großer Fan von Wolf Haas‘ Brenner-Serie. Den Sound von Haas‘ Büchern wollte ich mir schon immer mal ausleihen und eine Kurzgeschichte im Brenner-Stil schreiben. Gesagt, getan. Haas dreht sich jetzt bestimmt im Grab um, obwohl er noch ziemlich lebendig ist. Egal. Gott vergelt’s. 

Tote Seelen am Flughafen Tegel

Bei jedem anderen hätte ich die Augen wie ein sterbendes Bison gerollt oder schallend gelacht, wenn er diesen Satz zu mir gesagt hätte. Aber manchmal gibt es die One-in-a-Million-Kombination zwischen Satz und Mensch. Und der Satz sticht.
„Aus der Tiefe meines Herzens empfehle ich Ihnen dieses Buch“ – russischer Akzent, blaues Leinensakko, in seinen Händen „Tote Seelen“ von Nikolaj Gogol. Wir stehen in der Buchhandlung des Tegler Flughafens. Es ist Freitag, ein saharaheißes Wochenende klopft an die Tür und ich bin auf dem Weg in die Eifel. Da ich meine Lektüre zu Hause vergessen habe, treibt mich die schiere Panik in den Laden, denn ohne Buch zu verreisen ist wie ohne Bargeld unterwegs zu sein.
Nicht selten bringt der russische Akzent eine Seite in mir zum klingen, weil er dahin rollt wie eine Droschke auf einem holprigen Kopfsteinpflaster. Vielleicht weil er mich ein bißchen nostalgisch stimmt, denn ich habe auf einem deutsch-russischen Gymnasium mein Abitur gemacht. Vielleicht weil ich Wodka mag. Wer vermag das schon so genau zu sagen.
Bevor der Satz fiel, irrlichterte mein Blick durch die Regalreihen als der junge Russe ihn auffing und fragte, ob ich Klassiker mag. Treffer. Unterhaltung über Literatur und dann dieser Satz.

Was soll ich sagen – ich sitze nun in der idyllischen Eifel, die Sonne brennt und ich bin jetzt auf Seite 143 – das Buch kommt so behende, doppelbödig und elegant daher, dass ich mich freue, dem Protagonisten Pawel Iwanowitsch Tschitschikow die nächsten Tage folgen zu dürfen. Gemeinsam mit dem Kollegienrath Tschitschikow reise ich durch das zaristische Russland. Der Schurke ist auf der Suche nach “toten Seelen”. Will heißen, er kauft Gutsbesitzern auf dem Papier verstorbene Bauern ab (damals in Russland Leibeigene). Diese wurden von der staatlichen Verwaltung als „Seelen“ geführt, auf die die Gutsherren Steuern zu entrichten hatten. Allerdings wurden die Steuerregister erst nach längerer Zeit erneuert. Es konnte also einem Großgrundbesitzer geschehen, dass er für eine bereits verstorbene Seele noch Jahre über den Tod hinaus Steuern zahlen musste. Und hier setzt der Business Plan von Pawel an. Er kauft für einen lächerlich geringen Preis die Namen toter Seelen und überträgt sie in seine eigenen Geschäftsbücher. Diese Seelen gedenkt er später verpfänden zum aktuellen Marktwert einer lebendigen Seele. Schlimme Schurken sind wir!