Tote Seelen am Flughafen Tegel

Bei jedem anderen hätte ich die Augen wie ein sterbendes Bison gerollt oder schallend gelacht, wenn er diesen Satz zu mir gesagt hätte. Aber manchmal gibt es die One-in-a-Million-Kombination zwischen Satz und Mensch. Und der Satz sticht.
„Aus der Tiefe meines Herzens empfehle ich Ihnen dieses Buch“ – russischer Akzent, blaues Leinensakko, in seinen Händen „Tote Seelen“ von Nikolaj Gogol. Wir stehen in der Buchhandlung des Tegler Flughafens. Es ist Freitag, ein saharaheißes Wochenende klopft an die Tür und ich bin auf dem Weg in die Eifel. Da ich meine Lektüre zu Hause vergessen habe, treibt mich die schiere Panik in den Laden, denn ohne Buch zu verreisen ist wie ohne Bargeld unterwegs zu sein.
Nicht selten bringt der russische Akzent eine Seite in mir zum klingen, weil er dahin rollt wie eine Droschke auf einem holprigen Kopfsteinpflaster. Vielleicht weil er mich ein bißchen nostalgisch stimmt, denn ich habe auf einem deutsch-russischen Gymnasium mein Abitur gemacht. Vielleicht weil ich Wodka mag. Wer vermag das schon so genau zu sagen.
Bevor der Satz fiel, irrlichterte mein Blick durch die Regalreihen als der junge Russe ihn auffing und fragte, ob ich Klassiker mag. Treffer. Unterhaltung über Literatur und dann dieser Satz.

Was soll ich sagen – ich sitze nun in der idyllischen Eifel, die Sonne brennt und ich bin jetzt auf Seite 143 – das Buch kommt so behende, doppelbödig und elegant daher, dass ich mich freue, dem Protagonisten Pawel Iwanowitsch Tschitschikow die nächsten Tage folgen zu dürfen. Gemeinsam mit dem Kollegienrath Tschitschikow reise ich durch das zaristische Russland. Der Schurke ist auf der Suche nach “toten Seelen”. Will heißen, er kauft Gutsbesitzern auf dem Papier verstorbene Bauern ab (damals in Russland Leibeigene). Diese wurden von der staatlichen Verwaltung als „Seelen“ geführt, auf die die Gutsherren Steuern zu entrichten hatten. Allerdings wurden die Steuerregister erst nach längerer Zeit erneuert. Es konnte also einem Großgrundbesitzer geschehen, dass er für eine bereits verstorbene Seele noch Jahre über den Tod hinaus Steuern zahlen musste. Und hier setzt der Business Plan von Pawel an. Er kauft für einen lächerlich geringen Preis die Namen toter Seelen und überträgt sie in seine eigenen Geschäftsbücher. Diese Seelen gedenkt er später verpfänden zum aktuellen Marktwert einer lebendigen Seele. Schlimme Schurken sind wir!

5 Kommentare zu „Tote Seelen am Flughafen Tegel

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