Antiker Hipster an dorischer Säule

Der Männer-Dutt, der Waldschratbart, die unvermeidlich tätowierte Brust, die Sonnenbrille, die Skinny-Jeans, kurz die volle Hipsteruniform – mir kommt es vor als würden Männer seit Jahrtausenden so rumrennen. Quo vadis, Hipster? Dagegen ist Philipp Rösler ja ein wilder Nonkonformist.

Ver·hạl·tens·mus·ter

Muster, das: gleichbleibende Struktur, die einer sich wiederholenden Sache zugrunde liegt, bzw. eine zur gleichförmigen Wiederholung (Reproduktion) bestimmte Denk-, Gestaltungs- oder Verhaltensweise bzw. einen entsprechenden Handlungsablauf.

Mir gefällt dieses Bild so gut, weil viele verschiedenartige Muster und Strukturen darin zusammentreffen. Das gemusterte Pinto-Pony, das Flechtmuster seiner Mähne, die Streifen im Gesicht des Jungen, die gestreifte Flagge auf seinem Arm, die Streifen der Treppe im Hintergrund, die Streifen am Bund seines Poloshirts und das florale Muster an seinem Hutband. Ihr merkt schon, ich mag Abwechslung. Eines meiner Verhaltensmuster: ich langweile mich schnell und brauche starke Reize. Eine gleichbleibende Verhaltensstruktur kann auch die Affinität zu Veränderung sein. Same, same, but different. Ich habe mich eben gefragt, ob ich zur Abwechslung nicht mal versuchen sollte mein Verhaltensmuster zu durchbrechen. Und dann? In einer gemusterten Kittelschürze in einer Doppelhaushälfte einer Kleinstadt Deckchen häkeln? Ehrlich gesagt wäre mir diese Vorstellung zu wild.

Die gestohlenen Gesichter des Bruce Gilden

Es mag vor sechs, sieben Jahren gewesen sein, an einem Sonntag im August. Vielleicht war es auch Mai oder September. Jedenfalls lange bevor ich selber fotografiert habe. Ich wohnte damals in Düsseldorf und genoß an besagtem Sonntag draußen einen Kaffee am Rathausplatz mit Blick auf das Reiterstandbild von Jan Wellem. Neben mich setzte sich ein bärtiger Typ mit riesigem Teleobjektiv, das er auf einen schlafenden, nichtsahnenden Obdachlosen richtete, der am anderen Ende des Platzes lag. Es ist normalerweise nicht meine Art, fremden Leuten in ihre Geschäfte zu grätschen, aber ich regte mich dermaßen über sein Tun auf, dass ich ihm einen verbalen Schlag in die Magengrube setzte. Seine teleobjektiv-feige Borniertheit, die sich an einer Notsituation eines unwissenden Obdachlosen ergötzte, bekam er so richtig um die Ohren gehauen. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Armut ausgeschlachtet und billig „telegen“ inszeniert wird – zudem dann noch aus sicherer Entfernung und einem Hinterhalt. Letzteres fand ich besonders widerwärtig. Es ist für mich etwas anderes, wenn man Teil des Geschehens ist, so wie Anders Petersen, als er die Serie zum Café Lehmitz auf der Reeperbahn fotografierte. Das war nämlich seine Stammkneipe und er nutzte eine Contax mit 35 mm Objektiv. Es sind krasse Fotos, die Petersen gemacht hat, aber es sind Fotos, in denen der Fotograf keinerlei Deckung hatte, sondern über eine lange Zeit Teil des Milieus war. Insofern finde ich sie ehrlich und diese Nähe spürt man als Betrachter. Wie Robert Capa sagte: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran.“

Bruce Gilden ist ein Fotograf, der so nah dran ist, dass es für die Fotografierten arg an der Schmerzgrenze ist. In einer Youtube-Doku kann man sehen, wie er den Passanten mit seiner Leica und seinem Blitzgerät fast die Mascara von den Wimpern kratzt. Gilden auf Beutezug. Schnell, präzise, extrem nah und auch grausam – wie ein Raubtier. Gilden hat wirklich ikonografische Reportagen fotografiert – bissig, auf den Punkt und toll komponiert, zum Beispiel Coney Island oder Haiti.

Gestern las ich von seinem neuen Buch FACE. Ich bin irgendwie hin- und hergerissen. Obwohl die Bilder eindringlich sind, finde ich dass Gilden sich ein „easy target“ gesucht hat und diese Menschen, denen es offensichtlich nicht so gut geht, alle in ein sehr grausames und unnachgiebiges Blitzlicht gezerrt hat. Auch die Tatsache, dass er die Leute alle in ein Buch packt, scheint mir wie eine Schublade. Er bezeichnet sie als „characters“. Akne, Deformationen und andere Makel werden in sehr starken Ausprägungen formatfüllend im Close Up gezeigt. Die Süddeutsche schreibt, dass es keine einfach konsumierbare Form von Schönheit ist. Sicher, an vielen Menschen entdeckt man ansprechende oder gar hübsche Details. Trotzdem. Würden sich die Redakteure selber nach einem durchzechten Wochenende so abgelichtet sehen wollen und man würde ihnen dann gönnerhaft was von „gegen den Strich gebürsteter Schönheit“ erzählen? Wohl kaum. Zwar hat Gilden die Genehmigungen der Fotografierten eingeholt, aber ich fürchte, dass viele gar nicht wissen, wie sie präsentiert werden, eben als ein Kaleidoskop von Randfiguren. Mal davon abgesehen, ob der Fotograf nun eine Verantwortung für die Inszenierung der von ihm abgelichteten Leute trägt oder nicht, finde ich die Fotos ziemlich eindimensional. Es sind Close Ups. Sie machen keine zweite Ebene auf. Es sind Kopien der Wirklichkeit, recht grell ausgeleuchtet, aber es wird kein neuer Kontext oder Bezug erzeugt. Gilden spielt meines Erachtens unter seinen Möglichkeiten. Denn dass er auch ein ziemlich gutes didaktisches Geschick in der Beurteilung von Bildern hat, zeigt die Vice-Video-Serie, in der er Fotos von anderem Künstlern analysiert. Danach habe ich auch realisiert, dass 99% meiner Fotos Mist sind – und viel wichtiger, ich habe nun auch eine Ahnung warum das so sein könnte. Mein abstraktes Schatten-Pantheongesicht oben würde Gilden in der Luft zerreißen… wie ich seine FACE-Serie:-) Das wäre eigentlich eine Grundlage für eine wunderbare Freundschaft. Jemand mit Reibungsfläche!

 

Don Corleone verliert an Farbe

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„Bonasera, Bonasera, was habe ich dir getan, dass du mich so respektlos behandelst. Du kommst in mein Haus, am Hochzeitstag meiner Tochter, und bittest mich einen Mord zu begehen.“ Wenn Don Corleone die Schwarz-Weiß-Foto-Mafia verträte, so hätte dieser Satz mir gelten können. Schließlich habe ich die Schwarz-Weiß-Fotografie für tot erklärt. Zumindest für mich und die Bilder, die ich mache. Vivian Maiers BW-Fotos sind großartig, auch die von Edouard Boubat und die von vielen Magnum-Künstlern. Sie passen in die Zeit und zum (großen) Können der Künstler. Würden diese ikonischen Fotos genauso gut in Farbe funktionieren? Ehrlich: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich schon. Eine exzellente Komposition ist eine exzellente Komposition. Und ein berührendes Motiv ist ein berührendes Motiv. Woher dann meine pubertäre und leicht alberne Abneigung gegen dieses Segment (in der heutigen Zeit)? Zum einen ist es meine Liebe zur Farbe, sie ist ein wichtiger Emotionsträger im Bild. Nimmt man den Fotos die Farbe, nimmt man ihnen für mich auch die Intensität. Wenn man denn mit Farben umgehen kann. Denn Farbkomposition kann schwierig sein. Wenn ich so manches Foto schaue, erscheint es mir, als habe da jemand die gnädige Schwarzweiß-Soße über ein Motiv gegossen, das in Farbe einfach gerümpelig aussehen würde, in der Hoffnung, dass die Monochromie es irgendwie richtet… man denke an Street Fotografie. Hier ein McDonalds Schild, da ein grünes Auto, dort eine schlammfarbene Pfütze. Und am meisten schüttelt es mich bei banaler Aktfotografie, die mit Schwarz-Weiß einen pseudokünstlerischen Touch bekommen soll. Is klar. Die anderen Antipoden sind dann wieder die Megatechnik-Freaks, die mit tausend Grauabstufungen rumpopeln. Da bin ich einfach zu dilettantisch und grobschlächtig. Diese Details interessieren mich schlicht und einfach nicht. Aber ich bin kein Fundamentalist. Ich breche gerne meine eigenen Regeln. Heute war ich mal wieder charakterschwach. Als ich um diesen tollen Oldtimer rumgesprungen bin, habe ich irgendwann eingesehen, dass das Foto einfach besser in Schwarz-Weiß als in Farbe funktioniert, weil es zum Alter des dargestellten Schätzchens passt.

Bartłomiej Jurecki: Umwerfendes „Framing“

Ich hab mir grade einen Ast gefreut, als ich dieses großartige Foto von Bartłomiej Jurecki gesehen habe -> Polnischer Sensenmann. Ist das nicht absolut superb? Ich finde es gut, wenn einem wirklich tolle Leute mal zeigen, wo der Hammer hängt. Ohne gute Beispiele lernt man nix. Jurecki hat nämlich eines meiner Foto-Fetischthemen wesentlich besser umgesetzt als ich: das „Framing“. Also das Rahmen eines Motivs mit einem Motiv. Außerdem mag ich das Sujet Landwirtschaft gerne und die Frau mit der Mistgabel ist super.

Meine Framingversuche sind zwar nicht so dolle, dafür weiß ich aber durch Jurecki, was ich demnächst besser machen könnte.

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