Die gestohlenen Gesichter des Bruce Gilden

Es mag vor sechs, sieben Jahren gewesen sein, an einem Sonntag im August. Vielleicht war es auch Mai oder September. Jedenfalls lange bevor ich selber fotografiert habe. Ich wohnte damals in Düsseldorf und genoß an besagtem Sonntag draußen einen Kaffee am Rathausplatz mit Blick auf das Reiterstandbild von Jan Wellem. Neben mich setzte sich ein bärtiger Typ mit riesigem Teleobjektiv, das er auf einen schlafenden, nichtsahnenden Obdachlosen richtete, der am anderen Ende des Platzes lag. Es ist normalerweise nicht meine Art, fremden Leuten in ihre Geschäfte zu grätschen, aber ich regte mich dermaßen über sein Tun auf, dass ich ihm einen verbalen Schlag in die Magengrube setzte. Seine teleobjektiv-feige Borniertheit, die sich an einer Notsituation eines unwissenden Obdachlosen ergötzte, bekam er so richtig um die Ohren gehauen. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Armut ausgeschlachtet und billig „telegen“ inszeniert wird – zudem dann noch aus sicherer Entfernung und einem Hinterhalt. Letzteres fand ich besonders widerwärtig. Es ist für mich etwas anderes, wenn man Teil des Geschehens ist, so wie Anders Petersen, als er die Serie zum Café Lehmitz auf der Reeperbahn fotografierte. Das war nämlich seine Stammkneipe und er nutzte eine Contax mit 35 mm Objektiv. Es sind krasse Fotos, die Petersen gemacht hat, aber es sind Fotos, in denen der Fotograf keinerlei Deckung hatte, sondern über eine lange Zeit Teil des Milieus war. Insofern finde ich sie ehrlich und diese Nähe spürt man als Betrachter. Wie Robert Capa sagte: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran.“

Bruce Gilden ist ein Fotograf, der so nah dran ist, dass es für die Fotografierten arg an der Schmerzgrenze ist. In einer Youtube-Doku kann man sehen, wie er den Passanten mit seiner Leica und seinem Blitzgerät fast die Mascara von den Wimpern kratzt. Gilden auf Beutezug. Schnell, präzise, extrem nah und auch grausam – wie ein Raubtier. Gilden hat wirklich ikonografische Reportagen fotografiert – bissig, auf den Punkt und toll komponiert, zum Beispiel Coney Island oder Haiti.

Gestern las ich von seinem neuen Buch FACE. Ich bin irgendwie hin- und hergerissen. Obwohl die Bilder eindringlich sind, finde ich dass Gilden sich ein „easy target“ gesucht hat und diese Menschen, denen es offensichtlich nicht so gut geht, alle in ein sehr grausames und unnachgiebiges Blitzlicht gezerrt hat. Auch die Tatsache, dass er die Leute alle in ein Buch packt, scheint mir wie eine Schublade. Er bezeichnet sie als „characters“. Akne, Deformationen und andere Makel werden in sehr starken Ausprägungen formatfüllend im Close Up gezeigt. Die Süddeutsche schreibt, dass es keine einfach konsumierbare Form von Schönheit ist. Sicher, an vielen Menschen entdeckt man ansprechende oder gar hübsche Details. Trotzdem. Würden sich die Redakteure selber nach einem durchzechten Wochenende so abgelichtet sehen wollen und man würde ihnen dann gönnerhaft was von „gegen den Strich gebürsteter Schönheit“ erzählen? Wohl kaum. Zwar hat Gilden die Genehmigungen der Fotografierten eingeholt, aber ich fürchte, dass viele gar nicht wissen, wie sie präsentiert werden, eben als ein Kaleidoskop von Randfiguren. Mal davon abgesehen, ob der Fotograf nun eine Verantwortung für die Inszenierung der von ihm abgelichteten Leute trägt oder nicht, finde ich die Fotos ziemlich eindimensional. Es sind Close Ups. Sie machen keine zweite Ebene auf. Es sind Kopien der Wirklichkeit, recht grell ausgeleuchtet, aber es wird kein neuer Kontext oder Bezug erzeugt. Gilden spielt meines Erachtens unter seinen Möglichkeiten. Denn dass er auch ein ziemlich gutes didaktisches Geschick in der Beurteilung von Bildern hat, zeigt die Vice-Video-Serie, in der er Fotos von anderem Künstlern analysiert. Danach habe ich auch realisiert, dass 99% meiner Fotos Mist sind – und viel wichtiger, ich habe nun auch eine Ahnung warum das so sein könnte. Mein abstraktes Schatten-Pantheongesicht oben würde Gilden in der Luft zerreißen… wie ich seine FACE-Serie:-) Das wäre eigentlich eine Grundlage für eine wunderbare Freundschaft. Jemand mit Reibungsfläche!

 

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