Der Tod ist ein häßlicher Teppich

Den Tod kann man kaufen. Er kostet 18 Euro. Wohlfeil. Eine Todesübung in 8 Akten. Heute kaufe ich mir also den Tod. „Wollen Sie jetzt gleich, also um 12 Uhr 40?“, fragt der Mann am Ticketschalter, „dann müssen Sie sich allerdings beeilen und sofort in die zweite Etage. Der nächste Slot beginnt zehn Minuten später, also 12:50.“

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Hetzen möchte ich mich nicht, wenn ich mich in den Hades begebe und so kaufe ich das Billet für 12 Uhr 50. Die „Todesübung“ werde ich mit vier weiteren Leuten teilen, wir alle wollen in die Unterwelt. Aber die beiden Frauen mit den roten T-Shirts, die den Eingang bewachen, bitten uns vorerst im Warteraum Platz zu nehmen. „Wir werden Sie aufrufen.“ Wie beim Arzt, denke ich. Da hocken wir nun auf den hohen Bänkchen, greifen nach den Faltheften und vertreiben uns die Zeit mit einem kurzen Schnack.

Der Tod ist pünktlich wie die Maurer. Um Punkt 12:50 ist Einlass. Uuund? Abermals ein Wartezimmer. Diesmal eine billige Furnierkulisse, eine weiße Tür, daneben halbhohe Wände, über der Tür ein rotes Licht, daneben ein Monitor. Dazu eine Stuhlreihe und ein häßlicher Teppich. Teppich finde ich widerlich. Neben der Tür eine unmotivierte Pflanze. Plastik. Ich bin verärgert. Ich muss an das Wartezimmer des Augenarztes in Schöneberg denken, dann an eine Provinz-Sparkasse. Den Tod hatte ich mir irgendwie stilvoller vorgestellt. Aber er gibt sich banal. Die rote-T-Shirt-Frau bittet uns die Kopfhörer aufzusetzen, die auf den Stühlen liegen. Gespielt wird Monteverdi. Natürlich. Aber die Qualität der Kopfhörer ist lausig, durch die Orpheus-Oper hindurch höre ich einen Geräuschteppich aus den Räumen, die hinter der weißen Furnierkulisse liegen. Kakophonie à la Gerhard Schröder. Das fängt ja gut an.

Bevor es zur Sache geht, ertönen englische Instruktionen durch die Kopfhörer. Man solle immer erst den nächsten Raum betreten, wenn das grüne Licht leuchte. Fotografieren nicht erlaubt. Silence is required during the transition. Do not cling, in fondness and weakness, to this life. Even though you cling out of weakness, you have not the power to remain here. Ich finde, dass diese englischen Maßregelungen ziemlich deutsch klingen. Warum soll ich nicht selbst bestimmen, wann ich den nächsten Raum betrete? Warum soll ich still sein? Ich habe Freizeit. Ich will Spaß! Und vor allem mag ich keine Vorschriften. Bevor ich reaktant werde, leuchtet das grüne Licht über der Tür, die anderen springen auf – und ich bin jetzt auch gespannt wie ein Flitzebogen, entledige mich der Kopfhörer und rein gehts in einen engen Flur. Wieder warten. Kichern. Dann ein grünes Licht, Sesam öffne dich. Ich bin als Letzte in den Flur gehopst, aber dafür habe ich das Privileg an dem erschrockenen Gesichtsausdruck der ersten Person und dem Ausruf „Oh Gott, was ist das denn?“ einen Vorgeschmack auf den ersten Raum, die erste Erfahrungsstufe, zu erhaschen.

Da stehen wir nun in einem Zimmer, das aussieht, als hätten David Lynch und Wes Anderson mit einem Ausstatter von fürchterlichen amerikanischen Soaps gemeinsame Sache gemacht. Aber das nur am Rande, denn das Gruseligste sitzt rechts in der Ecke auf einem Leder-Imitatsofa. Eine lebensgroße Puppe? Nein. Die Augen bewegen sich, sind echt. Aber das ist kein Gesicht. Das ist eine Gummi-Maske, die ein Menschengesicht imitiert, aber dahinter ist ein echter Mensch, auch die Hände, fleischig, sie ruhen schwer auf den Sofa. Eine platinblonde Perücke. Gelbes Twinset, weiße Plastikschuhe, weiße Dreiviertelhose. Sie wirkt wie eine Melange aus „Monster“ (Theron), Barbie und Vanilla Sky. Alle wirken irritiert, verunsichert und zugleich amüsiert. Zunächst passiert nicht viel. Sie sitzt auf dem Sofa, verfolgt uns mit Blicken hinter ihrer Maske, während wir beklommen in dem schrecklichen Zimmer umherwandern. Dann platzt aus mir das Lachen. Ich kann nicht mehr an mich halten, das ist so surreal. Die anderen grinsen, sind aber still. Ich komme mir vor wie ein überdrehter Teenager. Dann steht das Frauen-Wesen auf und geht zu den Lamellenvorhängen, zieht sie langsam auf. Dahinter ist: Nichts. Nur mehr von der beigefarbenen Tapete. Oh Gott, ist das beklemmend. Ich habe Angst, dass sie auf uns zukommt, aber sie steht ruhig, starrt uns „nur“ an. Ich überlege, ob ich mich auf das freigewordene Sofa setzen soll, will aber keine Interaktion. Dann leuchtet das grüne Licht. Erleichtert stürmen alle Richtung Tür.

Und wieder stehen wir in einem Flur. Alle schnattern durcheinander und hoffen, dass das nächste Zimmer nicht so krass ist. Eine sagt: „Oh Mann, ich bin so froh, dass ich nicht allein hier bin, ich wäre gestorben, wenn ich ohne andere Leute mit dieser Lebend-Puppe in dem Raum gewesen wäre.“ Ich stimme ihr zu. Auch wenn ich sonst nicht ängstlich bin, aber das war schon psycho. Grünes Licht, die nächste Tür geht auf.

Ich möchte nur so viel sagen, dass wir im Laufe des Orfeo-Happenings noch alle voneinander getrennt wurden, alleine mit gruseligen Wesen in schrecklichen beklemmenden Zimmern waren, dass es einen Raum mit Hitchcock-Dusche gab und einen Todesraum und ein Solokonzert mit Orpheus in lichtgetränktem Zimmer. Das alles hat mich ziemlich umgehauen. Aber es war eine der großartigsten Kunst-Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Wer sich auch dafür interessiert, der möge bis in den Martin Gropius Bau gehen und sich ein Ticket für „Orfeo“ kaufen. Läuft nur noch kurz, also schnell handeln. Und dann alles aushalten und viel über sich lernen.

 

 

 

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